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Aus Notstand wird noblesse – der Westpavillon im Coburger hofgarten wird wiederbelebt

Wir leben in einer denkmalarmen Zeit, auch wenn so manch erhitzte Mahnmaldiskussion einen anderen Eindruck zu vermitteln sucht. Viele ärgern sich gar über eine Denkmäler-Inflation, aber diese Menschen kennen die Jahre 1871–1914 nicht

– da wurde an jedem Ort fast wöchentlich ein Denkmal geplant oder eingeweiht. Begleitet wurde dieser Prozess von einer Skulpturenflut, die historische und mythologische Hintergründe ins Licht rückte, oder dynastische Selbstdarstellungen begleitete.


Doch sind Skulpturen pflegeintensive Kunstwerke, und wo die Pflege seit Jahrzehnten ausblieb, werden die Werke schnell unansehnlich, ja sie wirken leicht abstoßend durch vernachlässigte Patina, Schmutz oder mangelnde Präsentation: So verkehrt sich Noblesse in Notstand.


In gewisser Weise ereilte dieses Schicksal auch den Westpavillon im Coburger Hofgarten, samt der darin befindlichen Gipsmodelle dreier Lokalbildhauer des späten 19. Jahrhunderts.

Dabei birgt er zwei wahre Schätze jener Epoche, in der auch die Berliner Museumsinsel mit Gründung der Alten Nationalgalerie 1876 an der Aufstellung emblematischer Werke größtes Interesse hatte. In diesen Skulpturenkanon passten perfekt Eduard Müllers „Prometheus, beklagt von den Okeaniden“ und Ferdinand Lepckes „Bildhauer (Phidias)“.


Die 1872 bei Müller in Rom bestellte Prometheusgruppe gelangte allerdings in ihrer Marmorfassung erst verspätet im Jahre 1879 in die Alte Nationalgalerie, wo sie bis heute als Teil des Weltkulturerbe ein Programmwerk der Kunst des

19. Jahrhunderts darstellt.

Der Kulturbringer Prometheus als Leidertragender, aber auch als Leidüberwindender war mit seiner speziellen Ikonographie von jeher ein Sinnbild modernen Künstlertums.


Steht Prometheus primär für das geistig-aufklärerische und befreite Wesen, so symbolisiert Phidias den plastisch schaffenden Menschen. Damit ergänzt Lepckes Bildhauer aus dem Jahre 1897 kongenial die Müllersche Prometheusgruppe.

Sein Phidias ist eine klassizistische Ode an den grossen attischen Bildhauer, der an Parthenon und Zeustempel unvergleichliche Bildwerke schuf. Lepckes Sandsteinphidias stand bis 1914 im Außenbereich der Berliner Museumsinsel und gilt seitdem als verschollen. Womöglich ist die Coburger Gipsfassung die noch einzig existierende.


Den beiden Gipsmodellen im Westpavillon soll nun nach Jahren eine würdevollere Zukunft beschert werden. Hiervon profitiert dann auch der Dritte im Bunde, Carl August Sommers Kentaur, welcher sich als kleine Replik im Foyer des Rathauses wiederfindet – die Originalbrunnenfigur steht seit 1891 in Bremen. Am Vorabend der Psychoanalyse verkörperte Sommers Pferdemensch den dritten Teil menschlichen Dramas und menschlicher Persönlichkeit, das Triebgesteuert-Animalische. Er komplettiert damit die Inszenierung im Hofgartenpavillon, der dafür 1880 speziell umgebaut wurde.


Nach umfassender Sanierung und zeitgemäßer Neuausstattung durch die Stadt Coburg, wird der Pavillon ab 2013 durch den

Kunstmaler Benno Noll als Pächter wieder für die Öffentlichkeit erschlossen. Nolls erdige Rostgemälde werden ganz im Sinne der städtischen corporate identity „Werte und Wandel“ die klassizistischen Bildhauerwerke ergänzen.


Für Noll geht hier eine lange Odysee zu Ende, um im Bilde der griechischen Mythologie zu bleiben. In den neuen Ausstellungs- und Arbeitsräumen findet er endlich ein repräsentatives Umfeld, um seine Werke dauerhaft in Coburg zu präsentieren. Auch eine Nutzung durch Dritte als Projekt- und Seminarraum ist angedacht. Infotafeln zu Lepcke, Müller und Sommer werden einen informativen Zugang zu Historie und Pavillonkunst der Vergangenheit bieten.


So wird am Ende aus Notstand Noblesse und die kulturelle Perlenkette von City bis Veste um ein Objekt bereichert –

noblesse oblige!



die drei klassischen Bildhauer im Coburger Westpavillon


Eduard Müller, Bildhauer, geb. 1828 Hildburghausen, gest. 1895 Rom

1849/50 Schüler der Antwerpener Akademie, sonst Autodidakt

1852/57 Brüssel

1857 Gotha

seit 1857 dauerhaft in Rom

1869 Mitglied der Berliner Akademie

1874 Mitglied der Akademie San Luca Rom




Ferdinand Lepcke, Bildhauer, geb. 1866 Coburg, gest. 1909 Berlin

1882/1892 Studium in Berlin, seit 1884 Schüler Schapers

1891 Großer Staatspreis

1892/93 in Rom




Carl August Sommer, Bildhauer, geb. 1839 Coburg, gest. 1921 Coburg

studierte in Stuttgart und München

1861/69 in Wien, dann Budapest

1878/98 in Rom




Pächter und Betreiber


Benno Noll, Kunstmaler, geb. 1958 in Odenbach/Pfalz


1981-1985 Studium des Grafikdesign und der Illustration an den Fachhochschulen Mainz und Bielefeld

1985 Übersiedelung nach Berlin; seitdem als freischaffender Künstler tätig

1990 Übersiedelung nach Oberfranken

Benno Noll ist Mitglied im „Berufsverband Bildender Künstler”, Oberfranken

Der Bildhauer(Phidias), von Ferdinand Lepcke, Gipsreplik, Original aus Sandstein 1897 Alte Nationalgalerie Berlin, seit 1914 verschollen

Prometheus, von Eduard Müller, Gipsreplik, Original aus Marmor 1879 Alte Nationalgalerie Berlin, wo sie sich noch heute befindet

Kentaurenbrunnen, von Carl August Sommer, Original aus Bronze seit 1891 in Bremen, kleine Replik im Rathaus Coburg, Gipsreplik im Westpavillon Hofgarten Coburg