10grad58east - powered by Benno Noll
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Unsere erste Begegnung mit Benno Noll vor gut zwei Jahren war geprägt von spontaner Begeisterung von der Intensität und Ausstrahlung seiner Werke.
Die Übersiedlung eines Künstlers von der Metropole Berlin in die Provinzialität Oberfrankens ist ein bemerkenswerter Schritt, und er hat dem Künstler die Kraft und Eingebung verliehen, die seinem Werdegang einen besonderen Impuls verleihen: seine Bilder nehmen umgekehrt den Weg von der Ländlichkeit in die Metropolen.
Benno Nolls Kunst macht aufmerksam. Ihr gelingt es, in einer Welt der maßlosen Überflutung durch die unauffällige Inszenierung Raum zu gewinnen. Noll selbst nennt seine Kunst „archaisch“. Im ursprünglichen Sinne des griechischen Begriffs bezeichnet „Arche“ nicht nur „Anfang, Beginn“, sondern auch „Regierung“.
So regiert in Nolls Bildern dieses archaische Element, die ursprüngliche, karge Schönheit des Alltags tritt in das Zentrum und regiert die Wirkung.
Um einen Gedanken Oscar Wildes auf Noll zu beziehen, möchte man „Kunst nicht als Spiegel, sondern als Kristall verstehen. Sie schafft ihre eigenen Gestalten und Formen. Kein großer Künstler sieht die Dinge, wie sie wirklich sind. Täte er es, so wäre er kein Künstler mehr“. Und es ist „ein großer Unterschied, ob man ein Ding ansieht oder ob man es sieht“.
In den neuesten Arbeiten Benno Nolls, den Interieurs, spielt er in archaischer Prägnanz mit den Allusionen leerer und doch beseelter Räume mancher großen Vorgänger. In ihrer Verlassenheit und perspektivischen Weite erinnern die Bilder an Edward Hopper, wobei Noll das Fehlen menschlicher Anwesenheit radikaler und die materielle Vergänglichkeit stärker zum Ausdruck bringt.
Der tragende Gedanke vorliegenden Katalogs ist „Das Schwere und das Leichte“, womit eine Dualität als Grundprinzip Nolls umschrieben ist. In der lateinischen Terminologie der Antike wurde der Begriff der „Schwere“ mit „Gravitas“ verwendet. „Gravitas“ meint aber den Inbegriff für Würde und Seriosität.
In unserem modernen Fremdwortgebrauch steht der altlateinische Terminus „Gravität“ oder „Gravitation“ unter anderem für die Anziehungskraft der Erde.
Und hier schließt sich der Kreis: Benno Nolls aktuelle Arbeiten besitzen eine innere Erdung und eine spürbare Schwerkraft im ursprünglichen Sinn des Wortes: Gravitas, Schwere, Würde, Erdverbundenheit. Dies zeigt sich auch in der Verwendung der Materialien: Das Schwere wird verkörpert vom Eisen, einem archaischen Hauptelement. Neben diesem schweren Bestandteil dominiert stets auch das leichte Element des Wassers, das dem Gewicht des Eisens entgegenwirkt und seinen Bildern in luftigen Lasuren die Komponente des „Leichten“ hinzufügt. Das Schwere und das Leichte: beide Kategorien stehen gewissermaßen paradigmatisch für die Kunstauffassung des Malers Benno Noll.
Sie sind von unerhörter Präsenz und doch ganz sonderbar entrückt, diese kleinen Dinge, großen Räume. Sie sind stumm, aber nicht leise; ihr Dasein ist eminent, aber ungreifbar, ihre Flüchtigkeit ist sichtbar, aber unergründlich. Verfall, Fäulnis, Verwitterung widerfahren den Dingen nicht, sie sind ihnen zu eigen in der Bildern Benno Nolls, geben Ihnen eine Aura die mit morbide nur unzulänglich beschrieben ist. Aus vermeintlichen Widersprüchen schafft der Coburger Künstler Symbiosen. Sie künden von einem Realismus, dem es nicht um Abbildung geht, von freier Malerei, die den Gegenstand nicht missen will. Das Sujet, der dingliche Impuls bleibt – in unterschiedlichem Grad – erkennbar in den Stillleben und Innenräumen bleibt auch markantes Moment der Bildwelten, die der 43-jährige imaginiert – doch geht die „Schwere“ ihrer selbstverständlichen, in sich ruhenden Gegenwart einher mit einer diffusen Schwerelosigkeit, mit einem Schleier durchaus nicht manierierter Rätselhaftigkeit.
Stilleben nehmen einen großen Raum im Schaffen von Benno Noll ein. Er ist als Maler an den kleinen, unscheinbaren Gegenständen interessiert. An den stillen Dingen: den stummen, unbewegten. Er versammelt ruhige, ruhende Gegenstände ins Bild. Solche, die naheliegen. Ganz einfache und gewöhnliche. Simple Sachen der Natur. Eine wortlose Welt.
Aber es scheint eine stille Verständigung zwischen den Dingen zu geben. Als suchten sie Nähe, gesellen sie sich mit ihresgleichen, bilden sie Gruppen, manchmal auch größere Mengen. Einige bleiben freilich alleine. Vereinzelung, Beisammensein, Intimität, loser Kontakt und Distanz – menschliche Beziehungsweisen finden sich im Arrangement der Dinge wieder. So verweisen Nolls objektive Konstellationen auch auf die Verhältnisse zwischen den Menschen, den Bereich der Intersubjektivität.
Noll hält fest am Gegenstand. Seine Bilder geben das Objekt nicht auf. Doch genausowenig geben sie es wieder, bilden sie es ab. Sie sind von Abstraktion und von Abbildlichkeit gleich weit entfernt. Sie bringen den Gegenstand hervor, und er zeigt sich als fremder. Er ist bei Noll nicht so vertraut, durchschaubar und domestiziert, wie wir ihn kennen. Vielmehr erhält er sein Verschlossenes, Undurchdringliches, Widerständiges zurück. Das bedeutet ja der „Gegenstand“: er steht entgegen, widersteht. Er widersetzt sich, steht dem menschlichen Begreifen beharrlich entgegen. Nolls oft harte oder schalenhafte Objekte haben diese Widersetzlichkeit. Obwohl präsent, greifbar und vor Augen liegend, wirken sie unzugänglich, unergründlich. Sie bieten dem Betrachter sich als Rätselfragen dar.
Spröde wie die Dinge wirkt das verwandte Material: brüchig der erstarrte Gips, der, wie sich aus der Nähe zeigt, mit Acryl (und in den Rostarbeiten feinsten, korrodierten Eisenteilen) die Schichten dieser Bilder bildet. Der Gedanke an verwitterndes Gestein stellt sich ein. In ihrer materialen Rauheit und Plastizität – dem Eindruck von Schichten, Schründen, kleinen Kratern – erinnern die Arbeiten an Phänomene der Geologie. Und wie geologische Gestalten von der Erdgeschichte berichten, so die sichtbare Schichtung der Bilder von ihrem Produktionsprozeß. Bis zum Moment, in dem der Künstler das Werk fixierte.
Auch das Kunstwerk ist ein Ding. Wie die Walnuß und das Schneckenhaus. Bilder sind Erstarrungsformen, und die von Noll reflektieren darauf. Seine Werke stellen ihre eigene Dinghaftigkeit aus. Sie geben sich genauso widerständig und verschlossen wie die Objekte, die sie zeigen. Genauso abweisend und rätselhaft. Das Ding in diesen Werken ist Modell des Kunstwerks selbst.
Bei dem französischen Schriftsteller Francis Ponge (1899-1988) entdeckte Noll verwandte Intentionen. Ponge ist Dichter der Dinge. Mit Le Parti pris des choses (1942) wurde er in Frankreich bekannt. Darin schreibt er, in kurzen Prosastücken, über die Garnele, den Kieselstein, Schnecken und anderes mehr. Deutsch trägt die Sammlung den Titel Im Namen der Dinge. Im Namen der Dinge, der stummen, möchte Ponge sprechen. Er ergreift für sie Partei. Ihre Beschreibung, sie sacht umspielend, bedeutet bei ihm ein poetisches Plädoyer: gegen die achtlose Verfügung über die Dinge; gegen ihre ungenierte Zurichtung; gegen die flachen, schematischen Vorstellungen, die wir von ihnen haben.
In den Stilleben von Benno Noll, deren jüngste von Ponge angeregt sind, geht es nicht nur um die Dinge. Vielmehr steht der Mensch in ihrem Zentrum, und die natürlich umgebenden Dinge drücken ihn aus. So meinen denn Zersetzung und Zerfall, dem das Natürliche unterliegt, auch den Tod des Menschen. Auf ihn verweisen die Dinge am Ende zurück. Auch das Kunstwerk ist ein Ding, und nur im Widerstand der Dinge kann der Mensch sich finden.
Benno Noll Acrylfresken - Acrylmonotypien
Katalog zur Ausstellung des ISS-Frankfurt a. M. vom 8. Oktober bis 5. November 1998, Frankfurt 1998, (23 Abb.), 6.- €uro
Ut pictura poesis
Benno Noll - Malerei, Neudrossenfeld 2000, (28 Abb.), 6.- €uro
Vom Schweren und vom Leichten
Benno Noll - Malerei, Neudrossenfeld 2002, (27 Abb.), 6.- €uro
Künstlerporträt Benno Noll
In: Vernissage (2005), H. 17, S. 62-65, (6 Abb.), 6.- €uro
als Zweierset jeweils 10.- €uro
Vom schweren und vom leichten
Dr. Dr. H.-D. Richter & Dr. Vivian Kafitz M.A. (Auktionshaus Bamberg)
„neue presse“, zitat vom 27.04.2002
Dieter Ungelenk
Neue Nationalgalerie, Acrylfresko und Rost, 70 x 240 cm, 2008
der maler und die dinge
Über die Stilleben von Benno Noll
Michael Schwarz, Berlin
bibliographie
alle Publikationen können sie per mail an mich ordern (sofern noch verfügbar)
im „lustbäulein“ an der Ewigkeit kratzen
Dr. Carolin Herrmann (Coburger Tageblatt, 27.07.2013)